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Kinder & Jugendliche: Gewalt am Arbeitsplatz Schule

Gewalt an Schulen geht längst weit über Verspotten, ­Auslachen oder Schubsen auf dem Gang hinaus. Ein immer größerer Teil verlagert sich in digitale Räume und spielt sich in WhatsApp-Gruppen, auf Instagram, TikTok oder ­Gaming-Plattformen ab, doch die „analoge“ Gewalt ist ­damit nicht verschwunden.

Montag, 10:25 Uhr, eine Wiener Mittelschule: In der Pause kippt eine Rangelei in einen handfesten Streit. Zwei Burschen stoßen einander, ein dritter mischt sich ein, plötzlich fliegt ein Sessel aus dem Aufenthaltsbereich. Eine Lehrerin geht dazwischen, wird beschimpft, ein Schüler schlägt mit der Faust gegen die Wand, ein weiterer Schüler erleidet eine kleine Platzwunde. 

Zahlen sprechen für sich

Geht es um Gewalt an Schulen, steht Cybermobbing im Mittelpunkt, doch die „analoge“ Gewalt im Schulalltag ist ­damit nicht verschwunden. Im Gegenteil: Sie reicht von Drohungen über Sachbeschädigung bis zu tätlichen Angriffen – gegen Schüler:innen ebenso wie gegen das Lehrpersonal. Erst kürzlich ließen die Zahlen der Bildungsdirektion über die Suspendierungen an Wiens Schulen aufhorchen: Im Schuljahr 2024/25 mussten 784 Schüler:innen vom Unterricht ausgeschlossen werden. Vor Corona gab es 2017/18 gerade einmal 278 Suspendierungen, ein Jahr später 334.

Für Österreich gibt es keine durchgängig einheitliche, zentrale Erfassung aller Gewaltvorkommnisse an Schulen. Ein belastbarer Indikator sind polizeilich registrierte Straftaten mit der Tatörtlichkeit „Schule / Bildungseinrichtung“. Diese Anzeigen stiegen österreichweit von 3.363 (2021) über 5.574 (2022) auf 5.984 (2023) – Zahlen, die zeigen, dass zunehmend mehr strafrechtlich relevante Vorfälle im Schulkontext aktenkundig werden. Auch Befragungen im Schulbereich deuten auf eine Zunahme von Problemlagen hin: In der OECD-Erhebung TALIS sagen Lehrkräfte häufiger aus, dass es an ihren Standorten regelmäßig Vandalismus / Diebstahl bzw. Gewalt unter Schülern:Schülerinnen gibt: War es 2018 noch 1 Prozent, sind es im Vorjahr bereits drei Prozent.

Warum eskalieren Konflikte häufiger?

Gewalt entsteht in der Schule selten aus dem Nichts. Häufig kommen mehrere Faktoren zusammen:
Nachwirkungen der Pandemie und psychosoziale Belastungen: Viele Schulen berichten seit 2021 / 22 über mehr Unruhe, geringere Frustrationstoleranz und schwächere Konfliktlösungsfähigkeiten. Das ist plausibel: Routinen, soziale Übungsräume und stabilisierende Bezugssysteme waren über längere Zeit gestört.

Mehr Jugendkriminalität und frühere Grenzüberschreitungen: Nach An­­­­gaben des Innenministeriums sind die Anzeigen gegen 10- bis 14-Jährige als ein Marker für Jugendkriminalität von 6.311 (2014) auf 9.730 (2023) gestiegen. Das betrifft nicht nur die Schule, wirkt aber in diesem Setting, denn sie ist ein zentraler Lebensort für Kinder und Jugendliche.

Familiäre und soziale Spannungen: Gewalt, die Kinder zu Hause erleben oder miterleben, erhöht das Risiko für aggressives Verhalten und für Opfererfahrungen.

Ressourcenmangel im System Schule: Wenn Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Integrations- / Sprachförderung oder Unterstützungspersonal fehlen, bleiben Konflikte länger unbearbeitet. Dann rutschen Schulen eher in reaktive Logik, das Feuer zu löschen, anstatt konzeptuell präventiv zu arbeiten.

Gruppendynamik, Statuskämpfe, „Ehre“-Konflikte: Gewalt dient oft als fehlgeleitete Strategie, um den Status zu sichern oder Kränkungen zu beantworten.

Die Rolle der Lehrkräfte

In der Praxis richtet sich Gewalt gegen Mitschüler:innen in Form körperlicher Angriffe, Bedrohungen, Nötigung, Demütigung, aber auch sexualisierter Übergriffe. Gegen Lehrkräfte und schulisches Personal richten sich Beschimpfungen, Drohungen, „Anrempeln“, in seltenen Fällen tätliche Angriffe. Oft eskalieren Gespräche rund um Regeln, Noten, Handy, Pausenaufsicht und deren Konsequenzen. Gewalt richtet sich auch gegen die Infrastruktur: Vandalismus, Sachbeschädigung und Zerstörung werden immer mehr ein Ventil oder ein Faktor der Machtdemonstration. Die polizeiliche Auswertung zur Tatörtlichkeit Schule zeigt, dass ein erheblicher Teil der registrierten Delikte Vermögens- und Sachdelikte sind.

Lehrkräfte sind weder Schuldige, noch können sie Gewalt „wegpädagogisieren“. Ihre Rolle ist aber zentral, indem sie klare Normen vorleben und Konsequenzen setzen. Null-Toleranz gegenüber Gewalt heißt nicht „Null-Beziehung“, sondern vorhersehbare Reaktionen und transparente Regeln. Lehrkräfte spielen eine zentrale Rolle, wenn es um Früherkennung und Deeskalation geht, denn viele Delikte passieren nicht spontan. Provokationsspiralen, wiederkehrende Konflikte und Überforderung brauchen professionelle Deeskalation und sind ein eigener Kompetenzbereich, der auch die nötige Aus- und Weiterbildung bei den Pädagogen:Pädagoginnen erfordert. Ein gut strukturierter Unterricht, verlässliche Rituale und Beziehungssignale können das Konfliktpotenzial senken. Gewaltprävention ist immer Teamarbeit zwischen dem pädagogischen Team, der Schulsozialarbeit und -psychologie, gegebenenfalls der Jugendhilfe und bei strafrechtlicher Relevanz der Polizei.

Frühwarnsignale ernst nehmen

Wirksame Prävention ist meist unspektakulär, aber konsequent. Sie beginnt schon bei mehr psychosozialer Präsenz im System wie Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, multiprofessionellen Teams. Schulen sind angehalten, eine verbindliche Interventionskette zu installieren: Wer tut was bei Drohung, Körperverletzung, Waffenverdacht, sexualisierter Gewalt – inklusive Dokumentation, Elternkontakt und Einbeziehung externer Stellen? Deeskalation kann und muss trainiert werden – und zwar flächendeckend, auch für Schulleitungen. Schutzkonzepte und Aufsichtsräume müssen architektonisch und organisatorisch geplant werden. Gemeinsam – sowohl mit Schülern:Schülerinnen als auch im pädagogischen Team – muss an Normen und Zugehörigkeit gearbeitet werden. 

Grenzen verschwimmen

Am Ende ist Gewalt in der Schule selten ein Einzelproblem „dieses einen Kindes“. Sie ist ein Frühwarnsignal: für Überforderung, Konflikte, soziale Spannungen und manchmal auch für Gewalt, die längst außerhalb der Schule begonnen hat. (rh)

Welche Rolle spielen Eltern?

Eltern sind nicht „Außenstehende“, sondern Ko-Produzenten von Schulkultur – positiv wie negativ. Entscheidend sind dabei

  • Haltung und Vorbild: Wie werden Konflikte zu Hause gelöst? Wie wird über Lehrkräfte gesprochen?
  • Grenzen und Verantwortung: Regeln, Schlaf, Medienkonsum, Umgang mit Aggression gehören zum Erziehungsauftrag.
  • Kooperation statt Lagerbildung: Wenn Eltern Schule grundsätzlich delegitimieren („Die haben meinem Kind nichts zu sagen“), steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder Grenzen testen.
  • Früh Hilfe annehmen: Bei wiederkehrenden Vorfällen sind Abklärung und Unterstützung oft wirksamer als reine Strafen.

Schule als ­Schutzraum

Die Publikation „Gewalt, Medien, Diversität“ von hepi – National Center of Competence für Psychosoziale Gesundheitsförderung an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich – zeigt eindrücklich, wie eng soziale Beziehungen, Mediennutzung und Gewalt heute miteinander verwoben sind und welche Verantwortung Schulen dabei tragen. Vorgeschlagen werden konkrete Maßnahmen:

  • Unterrichtsfach „Soziales Lernen“: Hier werden Empathie, Perspektivenübernahme und Konfliktlösung trainiert.
  • Peer-Education und Buddy-­Systeme: Jugendliche werden als Verbündete gegen Mobbing und Ausgrenzung gestärkt.
  • Evidenzbasierte Präventionsprogramme: Es gibt eine Reihe wissen­schaftlich geprüfter Kon­zepte, die anstelle punktueller Einzelaktionen eingesetzt werden sollten.

Tipps und weiterführendes Material zum Thema Gewalt an Schulen finden Sie im Web:

schulpsychologie.at/gesundheitsfoerderung/gewaltpraevention-1
ph-burgenland.at/pph-burgenland/organisationseinheiten/zgmp
oecd.org/en/about/programmes/talis.html

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Gewalt entsteht in ­einem sozialen ­Umfeld, das ­abwertendes ­Verhalten ­toleriert oder sogar ­belohnt.
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