„Die Arbeitswelt dreht sich so schnell wie nie zuvor.“ Mit diesen Worten eröffnete DI Mario Watz, Obmann der AUVA, das Forum Prävention 2026. Schutzstandards müssten an die veränderten Anforderungen angepasst werden. Der Generaldirektor-Stellvertreter der AUVA, Mag. (FH) Roland Pichler, nannte als größte Herausforderungen den Klimawandel, die demografische Entwicklung und den technischen Fortschritt. Prävention dürfe man nicht als „Beiwerk“ verstehen, sie bilde das Fundament für sichere und gesunde Arbeitsplätze, betonte Mag.a Caroline Krammer, Direktorin für Prävention und Leistungswesen in der AUVA.
Den mehr als tausend Teilnehmenden bot das Forum ein vielfältiges Programm: Exkursionen, zwei Workshops sowie zahlreiche spannende Vorträge in den Plenarsitzungen und den Fachtagungen der Arbeitsgruppen. Die Sessions der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) und die Beiträge der deutschen Gesellschaft für Sicherheitswissenschaft (GfS) ermöglichten einen Blick über die Grenzen. Ein Get-Together lud zum fachlichen Austausch ein.
Keynote: kein „Bauchgefühl“
Warum sich Risiken mit dem „Hausverstand“ nicht richtig erfassen lassen, erläuterte die Verhaltensbiologin Dr.in Elisabeth Oberzaucher in ihrer Keynote. Anhand eines Experiments zeigte sie, wie es zu Fehlschlüssen kommen kann: Das Publikum sollte durch lautes Schreien eine an einem Punkt aufliegende Holzlatte zum Kippen bringen, was – scheinbar – gelang. Tatsächlich war es jedoch ein versteckter Mechanismus, der die Latte aus dem Gleichgewicht brachte.
Auch bei der Wahrnehmung von Risiken am Arbeitsplatz führt das „Bauchgefühl“ laut Oberzaucher leicht zu falschen Einschätzungen. Die Häufigkeit seltener, Aufsehen erregender Ereignisse wird überschätzt, Lernen findet vor allem anhand von Fehlern statt. Der menschliche Verstand ist allerdings auch in der Lage, sich Situationen nur vorzustellen. „Man kann sich überlegen, wie sich Unfälle vermeiden lassen, ohne es auszuprobieren“, so Oberzaucher.
Zukunftsfitter Arbeitsschutz
Mehrere Vorträge befassten sich damit, wie sich der Arbeitnehmer:innenschutz zukunftsfit gestalten lässt. Angesichts der demografischen Entwicklung ist es essenziell, die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten zu erhalten. Führungskräfte sollten die Zusammenarbeit zwischen den Generationen fördern, älteren Mitarbeitern:Mitarbeiterinnen Wertschätzung entgegenbringen und vor Pensionierungen rechtzeitig für Wissenstransfer sorgen. In vielen frauendominierten Branchen – etwa Pflege, Handel oder Gastgewerbe – herrscht Fachkräftemangel. Umso wichtiger ist es, auf die Gesundheit von Frauen am Arbeitsplatz zu achten. Dazu gehören etwa Themen wie Gewalt am Arbeitsplatz oder die Auswirkungen der Wechseljahre auf Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden.
Maßnahmen bei Hitze
Im Fokus beim Thema Klimawandel stand die mit 1. Jänner 2026 in Kraft getretene Hitzeschutzverordnung. Sie regelt Schutzmaßnahmen für Arbeiten im Freien, bei denen Beschäftigte Hitze oder natürlicher UV-Strahlung ausgesetzt sind, und verpflichtet Arbeitgeber:innen, die Belastungen zu evaluieren und geeignete Maßnahmen zu setzen.
Um Hitzebelastung zu reduzieren, gilt laut Hitzeschutzverordnung das STOP-Prinzip: Substitution vor technischen und organisatorischen Maßnahmen, erst danach folgen personenbezogene Maßnahmen. Der Verband für Arbeitssicherheit (VAS) veranstaltete einen Workshop, in dem Kühlkleidung vorgestellt wurde. Ein Live-Versuch zeigte, dass bei den Versuchspersonen mit Kühlweste unter einer dicken Winterjacke nach rund einer Viertelstunde eine etwa sechs Grad niedrigere Körpertemperatur gemessen wurde als bei den Personen ohne Kühlweste.
Hitze wirkt sich auch auf die Psyche aus. Die emotionale Selbstregulation nimmt ab, was aggressives Verhalten fördert. Es kommt zu Konzentrationsschwierigkeiten, die eine höhere Fehlerquoten zur Folge haben können. Die Motivation sinkt aufgrund von Erschöpfung und Müdigkeit. Angesichts der bereits spürbaren Effekte des Klimawandels leiden insbesondere junge Menschen unter Klimaangst.
Internationales Programm
Die IVSS und die GfS beschäftigten sich mit Zukunftsfragen des Arbeitnehmer:innenschutzes, den Folgen des Klimawandels sowie dem Umgang mit Krisen und Katastrophen. Vorgestellt wurden unter anderem Konzepte für den Umgang mit Hitze oder Extremwetter und Praxisbeispiele zur Umsetzung der Vision Zero – einer Welt ohne schwere oder tödliche Arbeitsunfälle.
Ebenfalls Teil des Programms war die Verleihung des Safety Awards der IVSS-Sektion Maschinen- und Systemsicherheit. Mit dem Preis wurden drei deutsche Unternehmen ausgezeichnet: die Kleemann GmbH für den mobilen Prallbrecher MOBIREX MR 100 NEO zum Recycling von Baumaterial, die MKN Maschinenfabrik Kurt Neubauer GmbH & Co. KG für das FrySafe®-System zur Vermeidung von Bränden in Großküchen und die Sick AG für den Kollisionsschutz „End-of-Arm-Safeguard“ zur Zusammenarbeit mit kollaborativen Robotern.
Exkursionen und Fachausstellung
Für das Vorprogramm organisierte die Arbeitsgruppe Krankenanstalten einen Besuch bei der hollu Systemhygiene GmbH samt Führung durch ein neues Produktionsgebäude mit CO2-neutraler Fertigung. Bei der Exkursion der Arbeitsgruppe Verkehr und Transport zum ÖAMTC-Fahrtechnikzentrum Innsbruck konnten die Teilnehmenden moderne Fahrzeugassistenzsysteme testen.
In den Pausen hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, sich bei der Fachausstellung „Prävention aktuell“ einen Überblick über Produkte für den Arbeitnehmer:innenschutz von rund 80 Ausstellerfirmen zu verschaffen. (rp)




